Lektionen, die mich 2019 gelehrt hat

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Ich versuche seit Wochen meinen Jahresrückblick zu schreiben, heute ist schon der 1.1., ich sitze immer noch vor einem leergefegten Screen. Denke darüber nach, diesen ersten Satz so stehen zu lassen, will ihn dann wieder löschen, doch eigentlich ist er ziemlich bezeichnend für das vergangene Jahr. Ich möchte schreiben, finde aber schlicht und einfach keine Zeit mehr. Auch dieser Text wird vermutlich kurz werden, nicht so, wie ich ihn in den vergangenen Wochen unter der Dusche, kurz vor dem Einschlafen oder beim Kinderwagen-durch-die Gegend-schieben immer und immer wieder vor mich hin formuliert habe. Eher ein Abriss all meiner Gefühle und Gedanken, die mich 2019 beschäftigt haben.

Ich habe (wieder) ein Baby und damit verfüge ich nicht mehr frei über mich selbst – bis auf die wenigen oben genannten Momente, in denen meine Gedanken ein wenig schweifen dürfen. Das macht nichts – oder ehrlicher gesagt – nicht viel, wir haben uns dieses Baby sehr gewünscht und sind mehr als dankbar dafür, dass es nach vielen Umwegen und verzweifelten Momenten zu uns gefunden hat. Eine kurze Weile nicht mehr sich allein zu gehören ist nur ein kleiner Preis für dieses zuckerpudrige kleine Mädchen, das mit ihrem herzlichen Lachen und ihrer großen Entschlossenheit regelmäßig unsere Herzen wie Schokoküsse in der Mikrowelle schmilzt.

 

Umwege erhöhen die Ortskenntnis

Mit der Baby-Lady ist im vergangenen Jahr ein großer Traum in Erfüllung gegangen, dafür ist ein anderer gestorben. Und brachte die Erkenntnis, dass nicht jeder einzelne Lebenstraum erfüllt werden muss. Manche dürfen auch nur testweise in die Realität gezogen und hier drüben angeschmeckt werden, bevor sie sich selbst als zu realitätsfern entlarven. Kurz ausgelebt reicht manchmal schon, um den inneren Sog zu beruhigen. Die Gewissheit zu haben, am Ende diesen Weges nicht sagen zu müssen: „Ich bereue, das nie versucht zu haben. Wie wäre es wohl gewesen?“ Ich habe es versucht, ich weiß jetzt, wie es ist: entgegen meiner Erwartungen nichts für mich. Andere Träume durften an die Stelle der alten treten, süße Zukunftsmusik wird hier derzeit gespielt, aber das ist ein anderes Thema.

 

Feminismus ist für mich, gesellschaftliche Bedingungen zu schaffen, die es erlauben, frei nach seinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu leben

Definitiv vergangen ist in diesem Jahr meine bisherige Vorstellung davon, dass Arbeit gleichzusetzen ist mit bezahlter Arbeit. Es ist eine Illusion, dass meine Unabhängigkeit als Frau davon abhängt, ob ich stets und zu jeder Zeit mein eigenes Geld verdiene. Ich möchte keinem in die Suppe spucken, aber als überzeugte Feministin kann ich die moderne Working Mom-Ideologie nicht unreflektiert unterstützen. Solidarität? Ja! Aber nicht auf dem Rücken der Freiheit. Dazu habe ich mir viele Gedanken gemacht in den letzten Monaten, ich könnte ein ganzes Buch damit füllen. Hoffentlich schaffe ich es bald, wenigstens einen Blogpost damit zu füllen, das würde mir viel bedeuten.

 

Das Richtige zu tun bleibt richtig, auch wenn es die Welt nicht rettet.

Macht es Sinn, meine Ernährung auf vegan umzustellen, wenn ich gleichzeitig eine Kapsel-Kaffeemaschine nutze? Bringt es überhaupt etwas, dass ich auf’s Fliegen verzichte, wenn ich immer noch Klamotten aus nicht nachhaltiger Produktion trage? Darf ich auf eine Fridays-for-Future-Demo gehen, obwohl ich noch SUV fahre? Fragen, die ich mir Anfang des Jahres oft gestellt habe. Ich habe mich viel mit Ihnen beschäftigt, habe sie hin und her gewälzt, habe viel gelesen und gelernt: Es ist nicht meine Aufgabe, die Welt allein zu retten, es geht allein darum, das Richtige zu tun, soweit es in meinen Möglichkeiten liegt.

Ich darf wütend auf Politik und Wirtschaft sein, auch wenn ich selber nicht hundertprozentig nachhaltig lebe.

Viel wichtiger als die Frage, ob ich als Individuum jede. verdammte. Kleinigkeit. richtig mache, ist, meine Stimme zu erheben und ein Stachel zu sein für Politik und Wirtschaft, denn sie sind die diejenigen, die signifikant etwas bewegen können. Ich trage bei, indem ich bereit bin, zu verzichten und mich zwingend notwendigen politischen Entscheidungen nicht in den Weg stelle. Dafür ist mir die Zukunft meiner fantastischen drei Kinder viel zu wichtig.

Ich muss jetzt enden, denn ich will den ersten Tag in 2020 mit meiner Gang nicht verpassen. Nur eins noch:

Es ist völlig okay, dass mich nicht alle mögen. Darin liegt viel Freiheit.

 

2 Kommentare

  1. Wie schön, dass Du die Zeit gefunden hast, diese Gedanken niederzuschreiben. Ich hab geschluckt, ich hab geseufzt, ich hab weitergelesen, dir recht gegeben, mich wiedererkannt, was spiegelverkehrtes entdeckt.
    Wie schön, von Dir zu lesen.

    1. Das hat mich auch sehr gefreut, liebe Veronika. Ich hatte des Post schon fast abgeschrieben. Hab mir in den Hintern getreten ;-) Es berührt mich, dass dich meine Worte berührt haben. Darf ich nach dem Spiegelverkehrten fragen oder ist es für dich zu privat? Liebe Grüße, Barbara

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