Wir können uns Sorgen machen, aber wir sind nicht dazu verpflichtet ° Der Versuch, drei Kinder mit Zuversicht zu erziehen

Deko-Inspiration für ein Strand-Picknick mit Rezept für Picknick-Snacks

 

Die Sonne scheint, eine Brise weht mir um die Nase. Sommer 2019, ich bin 38 Jahre alt und bin vor kurzer Zeit zum dritten Mal Mutter geworden. Ich laufe gemächlich am Rheinstrand entlang und lasse meine Gedanken schweifen. Eine halbe Stunde spazieren nur für mich ganz allein, meine drei Kinder toben ausgelassen ein ganzes Stück entfernt mit ihrem Vater. Ich bin wieder auf dem Rückweg zu ihnen und freue mich auf sechs kleine Hände an meinen Beinen. Plötzlich höre ich zwei bekannte Stimmen hinter mir und drehe mich kurz um. Eine junge Mutter rückt in mein Blickfeld, sie hat dieselben hellblonden Haare wie ich, dieselbe Sorgenfalte auf der Stirn, auch an das anschmiegsame Kleid kann ich mich noch erinnern.

Sie sitzt mit ihrem kleinen Jungen auf einer bunten Picknickdecke im Sand, diese Decke habe ich damals sehr gemocht. Ihre Blicke treffen sich, in allen vier Augen blitzt Liebe auf. Das blonde Kind möchte ins Gebüsch laufen, die Mutter hält es zurück. Sanft, liebend, aber bestimmt. Ich höre sie zu ihm sagen: „Nein, mein Schatz. Das ist gefährlich. Wer weiß, was sich alles in diesem Gebüsch befindet, du könntest dir wehtun. Ich kann dich nicht sehen, wenn du dort drin bist und dann mache ich mir Sorgen.“ Das Kind schaut sie an, blickt kurz nochmal rüber zum Gebüsch und kuschelt sich schließlich wieder in den Arm seiner Mutter.

Sie lächelt mich freundlich an und sagt: „Ich mache mir ständig Sorgen, weißt du. Ich liebe diesen kleinen Jungen so sehr und will ihn für immer beschützen. Ich habe dich vorhin dort drüben mit deinen Kindern gesehen, wie machst Sie das mit drei? Du musst ja umkommen vor Sorge.“

Am liebsten würde ich diese junge Mutter fest in den Arm nehmen – so fest wie sie ihr Kind hält – und ihr sagen: Liebes, mach dir nicht so viele Gedanken. Genieße den Moment, genieß das Leben. Lass los, lass dein Kind seinen Weg gehen. Es ist lebensklüger als du glaubst.

Ich höre mich antworten:

„Wir können uns Sorgen machen, aber wir sind nicht dazu verpflichtet.“

„Wie meinst du das?“. Sie schaut mich irritiert an.

Ich wähle meine nächsten Worte mit Bedacht: „Angst und Sorge verhindern nicht, dass etwas passiert, wovor ich mich fürchte. Sie sind kein Schutz. Sie verhindern nur, dass ich und meine Kinder das Leben genießen und kennenlernen können. Die Gedanken, die ich mir mache, haben ja gar keinen Einfluss auf das, was da kommt. Oder warte, doch: sie zerstören mir und meinen Kindern den Moment und nehmen uns die Chance zu wachsen.“

„Das klingt schön, ich mag diese Idee. Aber ich könnte das nicht. Mich einfach zurücklehnen und Dinge passieren lassen“ sagt sie erst nachdenklich, dann bestimmt.

„Das verstehe ich, auch ich mache mir nach acht Jahren als Mutter und drei ganz unterschiedlichen Kindern immer noch Sorgen, ab und an.“

„Das ist wohl das Mutterherz, das in uns schlägt“ antwortet sie.

„Ja, das glaube ich auch. Sich niemals eine einzige Sorge zu machen oder keinerlei Angst zu empfinden wäre nicht menschlich.

Alles immer positiv zu sehen kann eine Falle sein.“

Die junge Frau denkt kurz nach bevor sie mir entgegnet: „Aber genau davon reden doch immer alle. Think positive! ist doch die neue Religion“.

„Ich weiß was du meinst. Auch ich gehöre zu den Menschen, die an das Gute glauben, an die Liebe. Aber negative Gefühle gehören zu uns und zu unserem Leben wie andere Gefühle auch und du tust dir keinen Gefallen, indem du sie gewaltsam unterdrückst. Sei nicht streng mit dir, lass Angst und Sorge, Wut und Traurigkeit zu, nimm das Gefühl an. Kämpfe nicht dagegen, unterdrücke nicht, sondern ärgere dich, schimpfe, schreie, weine, wonach immer dir in dem Moment ist. Halte das Gefühl aus, bis es dir besser geht. DANACH stehe wieder auf und mach weiter. Verstehst du, was ich meine?“

Wir schauen uns eine Weile schweigend an, jede in ihren eigenen Nachhall des eben Gesagten versunken. Ich weiß nicht, was sie in diesem Moment denkt. Ich will nicht missionieren, auch keine Ratschläge erteilen. Es gibt keine Lösung für jedermann. Doch eine Inspiration sein, die mein junges Mutter-Ich auf einen neuen Pfad lenkt, der stets ihr eigener bleibt, das wäre schön.

„Sprich weiter“, sagt sie schließlich.

„Das, was ich in der Hand habe, was unumgänglich ist, das mache ich. Ich schnalle sie im Auto immer an, putze ihnen die Zähne, erlaube ihnen nicht stundenlang fernzusehen. Aber ich lasse sie atmen, das Leben kennenlernen, nach und nach ihren eigenen Weg gehen. Lasse sie raus wenn sie wollen und soweit sind, lasse sie klettern, laufen, die Welt erkunden. Ich höre auf meinen Bauch und mein Herz.

Ich begreife meine wichtigste Aufgabe als Mutter darin, meinen Kindern Jahr für Jahr und Schritt für Schritt beizubringen, ihr Leben ohne mich leben zu können.

Das gilt für Amseln, Füchse und Schildkröten genauso wie für uns Menschen. Nur dass wir Menschen uns dafür im Loslassen üben müssen.

„Das ist so schwer“ entgegnet sie mir sofort.

„Ja, das ist es. Und trotzdem. Ich wäge ab: was können sie verlieren, was aber dagegen gewinnen? Sie könnten von dem Baum fallen und sich weh tun, sich im schlimmsten Fall sogar ein Bein brechen. Das kann passieren. Da ich aber weiß, dass meine Kinder gute Kletterer sind, ist es wahrscheinlicher, dass sie es schaffen und mich voller Stolz von oben angrinsen. Dieser Gewinn an Selbstvertrauen und innerer Stärke wiegt für mich in dem Moment mehr als ein mögliches gebrochenes Bein. Also schlucke ich meine Angst und Sorge runter und lasse sie sie nicht spüren. Ich möchte Zutrauen zu mir, meinen Kindern und zum Leben haben. Und ich möchte das an meine Kinder weitergeben. Als wertvollsten Schatz für ihr späteres Leben ohne mich“.

Die junge Mutter lächelt, aber sie sagt: „Ich bin nicht sicher, ob ich das jemals schaffen werde“.

„Das entscheidest nur du allein“ antworte ich ihr, hebe zum Abschied die Hand und setze meinen Weg fort.

 

 

 

 

 

 

6 Kommentare

  1. Ein wunderbarer Text. Vielen Dank dafür. Ich kenne die Sorgen, Ängste und Zweifel nur zu gut. Ich hoffe, dass ich das, was du geschrieben hast verinnerlichen kann. Denn es ist so wahr, dass man durch die Angst ja nicht alles verhindern kann, sich aber selbst stark einschränkt und Lebensfreude verliert.
    Alles Liebe für dich und deine Familie

    1. Danke liebe Christine, es ist als Mama nicht einfach aber meiner Erfahrung nach auf jeden Fall lohnend, vor allem für die Kinder.

      Dir ebenfalls alles Gute und danke für’s Lesen! Barbara

  2. Was für ein wunderbarer Artikel und mit welch Weisheit geschrieben! Schön! Und doppelt schön wieder von dir zu hören! Natürlich ist es logisch und verständlich, dass es ruhig war!! Herzliche Gratulation zu deiner Expedition FAMILIE! You rock it!!

    1. Danke liebe Helene, ich freue mich, dass er dir gefällt. Auch für mich ist es sehr schön, wieder zurück zu sein. Mal schauen in welchem Rhythmus ;-)

      Viele Grüße und danke für’s Lesen!
      Barbara

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