Vereinbarkeit ° Ein Erfahrungsbericht

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Vereinbarkeit von Familie und Arbeit. Hmmm.

Kennt ihr das Buch Die Alles ist möglich-Lüge? So ungefähr sehe ich das auch. Dass es eine Lüge ist, meine ich. Dass der Mythos der Vereinbarkeit von Familie und Job für mich real nicht existiert.

Aber mal von vorne. Vor knapp sechs Jahren kam mein Sohn auf die Welt. Vor seiner Geburt habe ich nach Abschluss meines Studiums meinen Berufsstart in der Online- und Marketingwelt hingelegt. Ich war nicht wahnsinnig scharf darauf, eine Riesenkarriere zu machen, denn für mich waren das immer nur Jobs, mein richtiges Leben fand nicht im Büro statt. Aber ich hatte mir die ersten Karriereschritte erarbeitet und stand ganz gut in Lohn und Brot. Dann kam dieses gewünschteste Wunschkind und der Job verblasste dagegen so sehr, das ich komplett das Interesse an der schillernden Marketingwelt verlor, das auch schon vor dem Sohn nur noch recht schwach gewesen war. Ich wollte nicht zurück auf diesen Jahrmarkt der Eitelkeiten. Ich wollte mehr vom Leben und dieses MEHR bedeutete für mich nicht mehr Glitzer, mehr Bussibussi, mehr Geld. Mein Baby zeigte mir während der Elternzeit, wovon ich mehr wollte: von ihm. Von uns dreien als Familie. Aber gleichzeitig war für mich nach einigen Monaten allein mit einem Baby klar, dass ich auf jeden Fall weiter arbeiten wollte, weil ich ich das Gefühl hatte, sonst zuhause wahnsinnig zu werden. Obwohl ich mein Baby so sehr liebte.

Ich konnte meine bisherige Stelle mit Kind nicht weiter besetzen, das war mir klar. Der Job erforderte mindestens eine 40 Stunden-Woche, tendenziell eher mehr. Das war ich nicht mehr bereit zu geben. Mein Arbeitgeber hingegen war nicht bereit, mir eine andere Stelle anzubieten. Sie wollten einfach keine Mutter in Teilzeit, das wusste ich spätestens nach dem Mobbing seit meiner frohen Botschaft, dass ich schwanger sei. Wir trennten uns also mehr oder weniger „einvernehmlich“. Denn ich fand einen neuen Job. Er lag weit unter meiner Qualifikation und weit unter meinem bisherigen Gehalt. Aber das Unternehmen machte einen guten und familienfreundlichen Eindruck. Ich durfte mit 30 Wochenstunden arbeiten, obwohl die Stelle Vollzeit ausgeschrieben gewesen war. Es fühlte sich einerseits nicht ganz richtig, so einen Rückschritt zu machen, aber andererseits war ich einfach nur froh, denn ich hatte richtig Angst gehabt, nach der Elternzeit ohne Job da zu stehen und das wäre nicht nur finanziell knapp geworden, sondern mir wäre echt das Dach auf den Kopf gefallen. Ich wollte unbedingt raus unter Leute und wieder ein aktiver Teil unserer Gesellschaft sein. Und das definierte ich früher ausschließlich über Lohnarbeit.

Ich arbeitete also in diesem minder spannenden Job und gab mich zunächst zufrieden. Denn ich kam mal raus, konnte auch wieder mal  mit erwachsenen Menschen über andere Dinge als Kinder sprechen und brachte das dringend gebrauchte Geld nach Hause. Alles lief soweit gut und nach 2 Jahren wünschten wir uns das zweite Kind. Vor dem Mutterschutz wurde ich herzlich verabschiedet und ich tat alles, um nicht außer „Sichtweite“ zu geraten. Ich meldete mich regelmäßig aus der Elternzeit und fing sogar 9 Monate nach der Geburt meiner Tochter wieder an zu arbeiten. Zwar nur an einem Tag und für 4 Stunden die Woche, aber ich opferte diese Zeit, um gut möglichst in Kontakt zu bleiben. Verdient habe ich damit nichts, denn die Summe, die der Arbeitgeber mir auf’s Konto überwies, wurde mir vom Elterngeld wieder abgezogen. Das hatte ich vorher gewusst und mich trotzdem dafür entschieden, um dem Arbeitgeber zu zeigen, wie motiviert ich war. Nach dem ersten Geburtstag der Kamikatze kam ich mit 20 Wochenstunden zurück und gab die Kleine zu einer Tagesmutter.

Es wurde eine Qual für mich, für die Kinder, für uns als Familie. Ich musste die Kinder immer sehr früh wecken und zur Betreuung bringen damit ich sie am frühen Nachmittag rechtzeitig wieder abholen konnte. Die Kamikatze war noch so klein und wollte verständlicherweise lieber bei Mama sein als bei einer fremden Person. Der Sohn hatte gerade eine schwierige Zeit im Kindergarten, nachdem er die Gruppe wechseln musste und brauchte mehr Mama, als ich ihm neben dem Job und der Fürsorge für die Kleinste geben konnte. Ich wurde immer trauriger und immer wütender ob der Situation und ließ es am Abend vor lauter Ohnmacht und Erschöpfung an meinem Mann aus. Die Kinder kränkelten viel, ich fehlte viel auf der Arbeit. So sah die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie bei uns aus. Ich fühlte mich ständig schuldig. Meinen Kindern gegenüber, meinem Mann gegenüber, meinem Arbeitgeber gegenüber. Vom Haushalt mal gar nicht zu sprechen.

Also reichte ich nach einem halben Jahr einen Antrag auf nochmalige Kürzung der Arbeitszeit auf 15 Stunden die Woche ein und da ich mich noch in Elternzeit befand, musste der Antrag auch bewilligt werden. Von da an entspannte sich sie Situation zuhause erheblich. Ich gehe an 3 Tagen die Woche arbeiten, hole danach gegen 14 Uhr die Kinder ab und wir verbringen die Nachmittage miteinander. An 2 Tagen habe ich komplett frei und kümmere mich Vormittags um die Kamikatze und den Haushalt. Es gibt manchmal immer noch Wochen oder einzelne Tage, an denen selbst die 15 Stunden Job zu viel erscheinen, denn es ist sooo viel zu tun und ich will unbedingt so viel wie nur möglich für meine Kinder da sein. Denn sie werden so schnell groß und ihr wisst schon. Aber alles in allem läuft es in der Familie seitdem ganz gut. Wir sind zumindest nicht mehr diesem übermässigen Stress ausgesetzt und haben nicht mehr ständig das Gefühl alle zu kurz zu kommen.

ABER. Im Büro werde ich seit der Kürzung nach und nach immer weiter abgeschrieben. Die mir zugeteilten Aufgaben werden immer uninteressanter. Meine Teamkolleginnen haben beide keine Kinder und starten immer wieder neue Mobbingversuche in Richtung „die Mutter geht immer so früh und macht dann sich dann einen schönen Nachmittag auf dem Sofa. Was? Schon wieder Kinder krank? Die braucht Urlaub??? Wovon denn? Vom den ganzen Tag auf dem Sofa liegen?“. Die Intoleranz und Egozentrik mancher kinderloser Menschen ist ein ganz eigenes Kapitel und soll hier nicht in epischer Breite ausgebreitet werden. Von der Teamleitung werde ich mittlerweile fast komplett ignoriert, es lohnt sich ja nicht, in mich zu investieren. Als Krönung wurde ich bei der letzten Bonusrunde kommentarlos übergangen.

So sieht diese vermeintliche Vereinbarkeit in meinem Leben aus. Entweder ich opfere mich und meine Familie und stelle den Arbeitgeber zufrieden ODER ich opfere meinen Job, um uns allen ein gutes Familienleben zu ermöglichen.

Und wisst ihr was? Für mich kommt die Familie immer zuerst. Denn wenn ich mal auf dem Sterbebett liege, werde ich mir bestimmt nicht wünschen, mehr gearbeitet, eine steilere Karriere oder mehr konsumiert zu haben. Vielmehr würde ich es mir nicht vergeben können, wenn ich sagen müsste: ich wünschte, ich hätte mehr Zeit verbracht mit den Menschen, die ich liebe.

Dieser Beitrag ist Teil einer Blogparade zum Thema Vereinbarkeit von Laura von Heute ist Musik sowie der Blogparade Mein Mann, seine Karriere und ich von Bejewly.

Wie empfindet ihr die Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Ich würde mich sehr freuen wenn ihr mir davon erzählt!

Macht es gut und bleibt so klasse!

Eure Barbara


3 Gedanken zu “Vereinbarkeit ° Ein Erfahrungsbericht

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